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Sind die Gedichte Paul Celans entschlüsselbar?

z.B. “Corona”, ein sehr schönes aber auch sehr rätselhaftes Gedicht.

http://www.youtube.com/watch?v=X25-IDqiC5k&feature=related

Corona

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehen:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.
@Petra
Die Todesfuge ist im Vergleich zu seinen anderen Gedichten besser zu verstehen, da es sich weniger hermetischer Metaphorik bedient.
Im Klartext: “Schwarze Milch” ruft in uns unmittelbar eine Kette von Assoziationen hervor, ohne dass wir darüber nachdenken.
Aber die Stelle “wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis”- die ist irgendwie nicht mehr unmittelbar zu fassen. Da Bedarf es einer intellektuellen Leistung. Oder nicht?

    Petra
    Posted 1 year ago

    Paul Celans Gedicht Corona und viele weitere aus dem Gedichtband Mohn und Gedächtnis waren an Ingeborg Bachmann gerichtet

    Todesfuge ist ein Gedicht Paul Celans, das mit lyrischen Mitteln die nationalsozialistische Judenvernichtung thematisiert. Es entstand 1944 oder 1945 und erschien zunächst in rumänischer Übersetzung im Jahr 1947. Die deutsche Fassung wurde erstmals 1948 in Celans Erstling Der Sand aus den Urnen veröffentlicht, gelangte aber erst durch die Aufnahme in seinen zweiten Gedichtband Mohn und Gedächtnis aus dem Jahr 1952 zu öffentlicher Wahrnehmung.

    Die Todesfuge gilt als Celans bekanntestes Gedicht und eine der bedeutendsten lyrischen Aufarbeitungen des Holocausts. Sie wurde in zahlreiche Anthologien und Schulbücher aufgenommen, auf Gedenkfeiern zitiert und vielfach künstlerisch adaptiert. Celans Gedicht wurde aber auch zum Gegenstand von Kontroversen. So wurde Celan vorgeworfen, die „Schönheit“ der Todesfuge werde der Thematik der Judenvernichtung nicht gerecht. In der Literaturwissenschaft wurden verschiedene vorhergegangene Dichtungen auf ihren Einfluss auf Celans Gedicht untersucht. Metaphern der Todesfuge wie insbesondere „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ haben als Zitate Eingang in den deutschen Sprachgebrauch gefunden

    ja richtig…aber mohn steht für mehr als nur die pflanze (papaver(Mohn) gilt u.a. als Nationalblume der Republik Polen )

      Anabell
      Posted 1 year ago

      Könnte sich aus der Wirkung des Mohns (Schlafmohn lat. Papaveraceae) ableiten lassen, aus dem Opium gewonnen wird, das zu Gedächnisverlust und Somnolenz führt. “Wir lieben einander als gäbe es kein Morgen”, den Augenblick genießend. Nach dem Schlaf alles vergessend!

      Der Satz “wir schlafen wie Wein in den Muscheln” ist für mich noch rätselhafter!

        Deus ex Machina
        Posted 1 year ago

        Ja, entschlüsselbar sind seine Gedichte, jedoch auf ziemlich viele Weisen entschlüsselbar – also wenn man allgemein sagt, für ein Gedicht gebe es keine allgemein gültige Interpretation, so trifft diese Aussage auf Celans Gedichte 100%ig zu, mehr als auf Gedichte anderer.
        Wenn ich also jetzt daran gehe, das von Dir in Frage stehende Gedicht zu entschlüsseln, so werde ich dabei keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit und absolute Korrektheit beanspruchen können.
        Aber aufgrund einiger Sememe können wir schon Hinweise finden; wie z.B. in dem von Dir beanspruchten Vers: “wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis”.
        Nun, Mohn steht natürlich metonymisch für den Rausch (aus Mohn gewinnt man Opium), das Gedächtnis ist schlichtweg das, was man festhält (man glaubt immer, sich genau erinnern zu können) – das Verbum “lieben” in diesem Vers läßt beides nun miteinander verschmelzen – wobei hier natürlich zweierlei Lesarten offen stehen:
        wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis ==> x und y lieben sich wie x (der Mohn) und y (das Gedächtnis); wobei man sich hier nun fragen muß: inwiefern liebt der Mohn (der Rausch) das Gedächtnis; oder:
        wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis ==> x und y lieben sich und x ist der Mohn und y das Gedächtnis; was entsteht nur aus dieser Verbindung? Ist da gewissermaßen ein männliches und weibliches Prinzip (ein voranstehender Vers gibt uns da immerhin schon einen Hinweis: “Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten”).
        Der nächste Vers gibt dabei auch Rätsel auf: “wir schlafen wie Wein in den Muscheln”. Nun, der Wein nimmt den Rausch-Aspekt des vorher genannten Mohns wieder auf, die Muschel allerdings soll wohl so eine Art Sicherheit, aber auch Verschlossenheit, Abgeschlossenheit von der Welt andeuten (verweist wohl auch auf “das Geschlecht der Geliebten”). Dies nun steht in Spannung zu den Nüssen, aus denen die Zeit geschält wird (V. 2); wo der Mensch doch eigentlich immer “Opfer” der Vergänglichkeit der Zeit ist, so wird er hier zu einem aktiven Mittäter der Vergänglichkeit der Zeit (“… und lehren sie [d.i. die Zeit] gehen”). Vgl. dazu auch den allerletzten Vers: “Es ist Zeit, daß es Zeit wird.”
        Schon im ersten Vers wird der Herbst (das Symbol schlechthin für Vergänglichkeit) zu einem Freund deklariert (also kein Feind) – darüber hinaus wird er personifiziert, er frißt aus der Hand des lyrischen Ich das Blatt (welches Blatt?), dies aber ist gleichsam eine vertrauliche Szene, als würde ein ansonsten scheues Lebewesen (ein Vogel z.B.) ihm aus der Hand fressen.
        Doch die Zeit, die aus den Nüssen geschält wird (V.2), kehrt in die Nüsse zurück. Ist dies lediglich der Zyklus von Werden und Vergehen oder gibt es da nicht noch eine andere Deutung? (Zudem kommt noch, daß Nüsse ein altes Fruchtbarkeitssymbol sind, und damit stehen sie gar nicht in Spannung zum “Geschlecht der Geliebten.”). – Ich meine, es gibt noch eine andere Deutung, denn: “Im Spiegel ist Sonntag” – der Sonntag als eigentlich letzter Tag der Woche, der aber doch – nach jüdischer Tradition – der Beginn der Woche ist … aber dieser Sonntag ist im Spiegel – beginnt nun irgendwie alles rückwärts (dabei ist ja auch der unsrige Sonntag der erste Tag der jüdischen Woche und damit der erste Tag der Schöpfung)? Naja, vielleicht ja, denn der Stein soll sich zu blühen bequemen, das Tote (der Stein) soll also endlich einmal anfangen, sich mit Leben zu füllen (zu blühen), wo das lyrische Ich doch vorher den Herbst nicht als endgültig hinzustellen versucht hat (vgl. V.1-3), vgl. zudem auch den Titel des Gedichtes: “Corona”, was ja einen ringförmigen Kreislauf indiziert – nur wer oder was trägt diese “Krone”?

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