• Letzte Fragen
  • Populäre Fragen

Mystik – Gedichte die ein mystisches oder pantheistisches Lebensgefühl ausdrücken?

Auf eine Frage von mir habe ich ein wunderschönes Gedicht als Antwort bekommen

Sol ich mein letztes End / und ersten Anfang finden -
So muß ich mich in Gott / und Gott in mir ergründen.
Und werden das was Er: Ich muß ein Schein im Schein /
Ich muß ein Wort im Wort / ein Gott in Gotte seyn.

Daß Gott so seelig ist und Lebet ohn Verlangen /
Hat Er so wol von mir / als ich von Ihm empfangen.
Ich bin so groß als Gott / Er ist als ich so klein:
Er kan nicht über mich / ich unter Ihm nicht seyn.

Gott ist in mir das Feur / und ich in Ihm der Schein:
Sind wir einander nicht – ganz Inniglich gemein?
Mensch wo du deinen Geist schwingst über Ort und Zeit /
So kanst du jeden Blick seyn in der Ewigkeit.

Ich selbst bin Ewigkeit / wann ich die Zeit Verlasse /
Und mich in Gott / und Gott in mir erfasse.
Ich bin so Reich als Gott / es kan kein Stäublein seyn /
Das ich (Mensch glaube mir) mit Ihm nicht hab gemein

Angelus Silesius ( 1624 – 1677 )

Ich würde mich freuen noch mehr solcher Gedichte über die mystische Verbindung des Menschen mit der göttlichen Natur, der Weltseele oder einer universellen Kraft zu lesen.

Einiges habe ich im Net gefunden, vielleicht bekomme ich hier ja noch ein paar weitere Verse :)

    wotan
    Posted 1 year ago

    So mußt du allen Dingen
    Bruder und Schwester sein,
    Daß sie dich ganz durchdringen
    Daß du nicht scheidest Mein und Dein.

    Kein Stern, kein Laub soll fallen –
    Du mußt mit ihm vergehen!
    So wirst Du auch mit allen
    Allstündlich auferstehen.

    Hermann Hesse

    Dein ist alles

    Dein ist alles, all und jede Wonne,
    wenn sie aufgeht, dir als eigene Sonne,
    jeder Tag vom Licht emporgetragen,
    wenn er aufgeht dir als eigners Tagen.

    Dein ist alles, all der Blumen Glühen,
    wenn hervor sie aus sich selber blühen.
    All die Rosenknospen auf der Erden,
    wenn sie Rosen in dir selber werden.

    Dein ist alles, was in Tal und Hügeln
    lichtvoll sich in dir kann widerspiegeln.
    Dein die Himmel selbst und selbst die Sterne,
    wenn du Glanz hast für den Glanz der Ferne.

    Christian Wagner

      Juringar
      Posted 1 year ago

      Mit fallen da zwei ganz unterschiedliche Gedichte ein, zwei relativ bekannte Texte in denen die ganze Spannbreite eines mystisch-pantheistischen Lebensgefühls deutlich wird, jenseits aller kultureller Unterschiede und Trennung – ein Indianisches und ein abendländisch-pantheistisches, dem “Großen Geist” einer Naturreligion und der Weltseele eines geistigen Humanismus des Alleinen.

      O Großer Geist,
      dessen Stimme ich im Winde höre
      und dessen Atem der Welt Leben schenkt,
      höre mich! Ich bin klein und schwach.
      Ich bedarf deiner Stärke und Weisheit.

      Lasse mich in Schönheit wandeln.
      Laß meine Augen den purpurnen Sonnenuntergang betrachten.
      Laß meine Hände das achten, was in dir entstanden ist.
      Laß meine Ohren deine Stimme vernehmen.
      Mache mich weise, so daß ich begreife,
      was du mein Volk gelehrt hast.

      Laß mich die Lektionen verstehen,
      die du in jedem Blatt und jedem Fels verborgen hast.
      Ich suche Stärke, nicht um stärker zu sein als mein Bruder,
      sondern stärker als mein größter Feind – ich selbst.
      Mache mich bereit, jederzeit zu dir zu kommen
      mit reinen Händen und klaren Augen,
      damit, wenn mein Leben schwindet wie die Sonne am Abend,
      mein Geist ohne Scham in dir eingehen kann.

      Gebet der Winnebago-Indianer

      —————————–

      Im Namen dessen, der Sich selbst erschuf
      Von Ewigkeit in schaffendem Beruf;
      In Seinem Namen, der den Glauben schafft,
      Vertrauen, Liebe, Tätigkeit und Kraft;
      In Jenes Namen, der, so oft genannt,
      Dem Wesen nach blieb immer unbekannt:
      So weit das Ohr, so weit das Auge reicht,
      Du findest nur Bekanntes, das Ihm gleicht,

      Und deines Geistes höchster Feuerflug
      Hat schon am Gleichnis, hat am Bild genug;
      Es zieht dich an, es reißt dich heiter fort,
      Und wo du wandelst, schmückt sich Weg und Ort;
      Du zählst nicht mehr, berechnest keine Zeit,
      Und jeder Schritt ist Unermeßlichkeit.

      Was wär ein Gott, der nur von außen stieße,
      Im Kreis das All am Finger laufen ließe!
      Ihm ziemt’s, die Welt im Innern zu bewegen,
      Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen,
      So daß, was in Ihm lebt und webt und ist,
      Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermißt.

      Im Innern ist ein Universum auch;
      Daher der Völker löblicher Gebrauch,
      Daß jeglicher das Beste, was er kennt,
      Er Gott, ja seinen Gott benennt.

      [Johann Wolfgang v. Goethe]

        Artjulain
        Posted 1 year ago

        Varuna’s Zauber

        Inmitten lärmenden Gewühls,
        weiß ich den Wald in Schweigen ragen
        herrscht hier noch Mangel des Gefühls
        wird man dahinter frei von Fragen.

        Schon seh’ ich Bäume rings erstehn’
        und Schwäne auf dem Wasser treiben,
        es drängt mich dort hinein zu gehn’
        nicht hier im Lärm des Jetzt zu bleiben.

        Bald herrscht die Stille rings umher
        besiegt den Mensch der draußen hastet
        beraubt mir wie von ungefähr,
        das Denken das mich noch belastet.

        Nun Allmacht zeig mir dein Gesicht,
        entführ mich in dein dunkles Wesen
        die schwarze Beere sei mein Licht,
        wie’s schon in alter Zeit gewesen.

        Befreit sei Seele von dem Sinn,
        der mich mit seinem Reiz gebunden,
        bald spühr’ ich wie im Herzen drinn
        ein Schmerz beginnt die Welt zu runden.

        Und aus der Ahnung wächst ein Schrei,
        der schweigend meinen Geist erfüllt,
        und berstend bricht das Band entzwei
        das mich als Körper noch umhüllt.

        Als Tropfen lustgeborner Tränen
        ergießt mein Sehnen sich hinab
        dort wo sie ihren Urquell wähnen
        schwebt all mein Fühlen auf und ab.

        Stimm’ in der Bäume Raunen ein,
        zu fühlen wie der Puls der Erde,
        zerfließt in Töne ohne Sein,
        auf daß mein Fühlen Einklang werde.

        Bin Fels vom Felsen der dort steht
        um aufzugehn in seinen Massen,
        zu spüren wie die Welt sich dreht,
        das Bild der Allmacht zu erfassen.

        Ja so vom Schicksal freie Macht,
        ermess’ ich dich in deinem Walten,
        aus Nichts von dir zum Sinn erdacht,
        als Teil die Schöpfung zu gestalten.

        So endet hier der Geist der Zeit
        der draußen noch den Menschen bindet
        bin Gott bin Nichts bin Ewigkeit,
        der zu sich selbst – zur Wahrheit findet

        Ar~Tjulaïn

          Isolde
          Posted 1 year ago

          Mir fallen spontan Gedichte und Texte von Hölderlin und Gottfried Keller ein

          Eines
          Eines zu sein mit allem,
          das ist Leben der Gottheit,
          das ist der Himmel des Menschen.
          Eines zu sein mit allem, was lebt,
          in seliger Selbstvergessenheit
          wiederzukehren ins All der Natur,
          das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden

          An eine Rose
          Ewig trägt im Mutterschoße,
          Süße Königin der Flur!
          Dich und mich die stille, große,
          Allbelebende Natur;
          Röschen! unser Schmuck veraltet,
          Stürm’ entblättern dich und mich,
          Doch der ewge Keim entfaltet
          Bald zu neuer Blüte sich.

          Friedrich Hölderlin

          ——————–

          Abend

          In Gold und Purpur tief verhüllt,
          Willst du mit deiner Leuchte scheiden,
          Und ich, noch ganz von dir erfüllt,
          Soll, Sonne, dich nun plötzlich meiden?
          Du hast mein Herz mit Lust entzündet:
          Du allerschönste Königin;
          Wenn mir dein Strahlenantlitz schwindet,
          Ist nicht das Feuer todt und hin?

          O reiche mir noch Einen Strahl,
          Der labend, leuchtend auf mich falle,
          Daß ich aus diesem Dämmerthal
          An deiner Hand hinüber walle!
          Ich will dein treuer Page bleiben,
          Dein Spiegel, wie das blaue Meer,
          Als Schäfer deine Lämmer treiben,
          Die Morgenwolken, vor dir her.

          Als leichte, leichte Wolke nur
          Laß mich an deinem Hofe weilen,
          Als deines Glanzes letzte Spur
          Von deinem Siegszuge eilen!
          Ich präg’ als Lehrer neue Lieder
          Den Lerchen, deinen Kindern, ein
          - Du willst mich nicht? Du tauchest nieder?
          Ich bin im Schatten, bin allein!

          Verlassen, bang wend’ ich mich ab,
          Die Welt ist eine todte Kohle;
          Was jüngst nur Klarheit wiedergab,
          Stäubt, Asche, unter meiner Sohle.
          – Doch schau: wie ich gen Osten kehre,
          Taucht mir ein neues Wunder auf:
          In rosig mildem Nebelmeere
          Beginnt der Silbermond den Lauf.

          Leis, magisch kommt der Riesenstern
          Auf grünen Wipfeln hergegangen;
          Er ist nicht kalt, er ist nicht fern,
          Nein, warm und nah wie zum Erlangen.
          Ist er der Sonne Aehrenleser,
          Der nach verlornen Strahlen jagt?
          Ist er der Sonne Reichsverweser,
          Bis wieder sie im Osten tagt? —

          Es ist auf Erden keine Nacht,
          Die nicht noch ihren Schimmer hätte,
          So groß ist keines Unglücks Macht,
          Ein Blümlein hängt in seiner Kette!
          Ist nur das Herz von rechtem Schlage,
          So baut es sich ein Sternenhaus,
          Und schafft die Nacht zu hellem Tage,
          Wo sonst nur Asche, Schutt und Graus.

          Gottfried Keller

            Ilona
            Posted 1 year ago

            Gesang der Großen Göttin

            Ich bin der Erde tiefe Lust
            des Himmels hoch gespanntes Trachten.
            Ich bin des Wassers klarer Quell
            der Flamme brünstiges Erglühn.

            Ich bin der Düfte lauer Wind
            der Lüfte frisch bewegter Atem.
            Ich bin der Töne heller Klang
            der Farben bunt gemischte Pracht.

            Ich bin der Wahrheit reiner Sinn
            der Weisheit leicht gestellte Frage.
            Ich bin das Zeichen und das Wort
            die Antwort die dein Sehnen füllt.

            Ich bin das Wesen das dich trägt
            der hohen Werte fernes Leuchten.
            Ich bin der Ursprung und das Ziel
            der Weg den deine Ahnung sucht.

            Ich bin der Kreis der dich umschließt
            der Urgrund der sich dir ergründet.
            Ich bin der Anfang und das Ende
            der Bogen der das Wissen spannt.

            Ich bin die Zunge die dich schmeckt
            das Auge das dein Wesen kennt
            Ich bin das Ohr das dich erhört
            die Hand die deinen Geist entführt.

            Ich bin die Kraft die dich erzeugt
            die Macht die deinen Tod erzwingt
            Ich bin das Licht das dich erhellt
            der finstren Nächte dunkles Treiben.

            Ich bin der Schoß der dich empfängt
            das Glied das dich zum Taumel führt
            Ich bin der Sinn und du der Mensch
            Ihn dir zu achten.

            ————————

            Oh göttliche Mondin –
            so glänzt uns dein Bildnis aus dunkelsten Zeiten
            Nicht Sonne erwärmte den Atem der Welt
            nicht männlicher Himmel erstrahlte im Wirken
            denn also dreifaltig empfand sich die Macht
            aus weiblicher Erde.

              Deus ex Machina
              Posted 1 year ago

              Entschuldige nun, aber was daran ist mystisch oder gar pantheistisch?

              @Fragezeichen:
              Also, ich verlasse mich lieber darauf, was ich während meines Studiums der Literaturwissenschaft gelernt habe, als daß ich mich auf google, wiki & Konsorten verlasse.
              Die Lyrik des Angelus Silesius ist keineswegs mystisch, sondern “nur” erbaulich; Silesius hätte sich davor verwahrt, ein Mystiker genannt zu werden. Das hätte ihm auch nicht wenige Probleme mit der damals wütenden Inquisition eingebracht. – Es hängt eben auch nicht wenig davon ab, was wir heutzutage als “mystisch” bezeichnen. Als “ursprünglich” mystisch jedoch gilt die unbeschreib- und unerklärbare Vereinigung oder vielmehr Sich-in-eins-Fühlen mit Gott; Silesius aber beschreibt doch dieses Sich-in-eins-Fühlen mit Gott und gibt auch Anweisungen dafür, wie man es erlangen könne (typischstes Kennzeichen für christliche Erbauungsliteratur übrigens); so etwas aber kann nicht wirklich als “mystisch”, im Sinne von “verborgen, geheimnisvoll” genannt werden; und pantheistisch ist es schon einmal gar nicht!
              Novalis’ “Hymnen an die Nacht” trifft das Mystische schon eher.

              Oder um eine Hymnusstrophe Abaelards zu zitieren:
              “Von geheimnisvoller gestalt
              Fällt der umhüllung tuch:
              Wahrheit ist wirklichkeit,
              Nicht mehr im rätselspruch.
              Was der prophet versprach,
              Ward klarheit ohne fehl,
              Um jota nicht noch punkt
              Ging die Erfüllung fehl.”

              So etwas atmet mystischen Geist!
              Vor allem auch (wie im vorletzten Vers metaphorisch verdeutlicht) hier eine Beziehung vorgenommen wird zwischen (biblischer) Schrift und (weltlicher) Existenz.
              Oder um es auf eine kurze, aber leider allzu verkürzte These zu bringen:
              Die (biblische) Schrift spiegelt in allem die (irdische) Existenz wider.
              Darin besteht das (christlich-mittelalterlich) Mystische. Alles andere ist billiger Abklatsch davon oder blasses Epigonentum.

              @eren: Ich habe hier keine Rezension gegeben, nicht einmal eine in Anführungszeichen.
              Ich will auch keinen universitären Streit vom Zaune brechen, nur an Prof. Dr. Christian Wagenknechts Hauptseminar des Titels “Mystik, Confortatio und Pseudo-Mystizismus in der deutschen Lyrik” hättest Du einmal teilnehmen sollen; klar ist unbestreitbar: So manche romantische und auch spätromantische Literatur hat mehr Elemente des Mystischen in sich als so manche (auch geistige) Barockliteratur, die in nicht wenigen Teilen den Pietismus vorbereitet hat, so tief gottgläubig diese barocke Literatur auch sein (oder sich geben) mag. (Mach Dich in dieser Hinsicht einmal vertraut mit dem romantischen Begriff der “Ironie” – wundere Dich nicht, um wievieles mehr dieser Begriff und seine lyrische Konkretisation mit dem gemeinsam hat, was man auch im Mittelalter als “mystisch” hat bezeichnen können. – Ist es auch ein Zufall, daß die romantische Literatur sich mehr als jede andere auf die mittelalterliche Literatur und mittelalterliche Zeit bezieht? – Nein, ein Zufall ist dies nicht!)
              Daß Du in höchster und frechester Unverschämtheit meinen Antwortbeitrag als B…s… diffamierst, zeugt von dreierlei:
              Erstens von Deiner Voreingenommenheit in Sachen Religiosität (die sich, wie Du hoffentlich aus der Religionsgeschichte wissen wirst, immer mit der Mystik schwergetan hat) ;
              zweitens von einer Nächstenliebe, die dem Nächsten spottet (Du hättest auch eine sachliche Diskussion beginnen können; aber nein, in Deiner christlichen Nächstenliebe hast Du Dich zu Beleidigungen und Erniedrigungen meiner Person verleiten lassen);
              und drittens von Deiner Unkenntnis der deutschen lyrischen Literatur gegenüber, die versucht, dieses mystische Gefühl in Worte zu fassen (was aber wie Wittgenstein, der selbst – man mag es nicht glauben, wenn man seine Schriften nicht genau kennt – einmal treffend bemerkt hat, das Göttliche und Gute in unaussprechliche Worte fassen zu wollen – mit dieser Unaussprechlichkeit der Worte hat natürlich auch das Unvermögen der Worte selbst, etwas Treffendes bezeichnen zu wollen, zu tun, nämlich dasjenige, das sie nur “an-deuten” können, was das “Erhabene”, das “Metaphysische”, das “Göttliche”, wie Wittgenstein es auch nennt. Aber alles, was vom Erhabenden, Überirdischen, Übermenschlichen oder eben Göttlichen ausgesagt wird, ist Unsinn, da es nicht verifiziert werden kann. Lies Dir zu diesem Zwecke auch einmal die Orphischen Verse durch, da erkennst Du, was antike Mystik (man könnte vielleicht nur mit Vorbehalt sagen: “Mystik in Reinkultur”) bedeutet).
              Oder man kann hier auch Goethes auf den ersten blinden Blick ganz unmystische Verse zitieren:
              “Ihr müßt mich nicht
              Durch Widerspruch verwirren,
              Sobald man spricht,
              Beginnt man schon zu irren.”
              Aber wenn Du einmal das christliche Mittelalter, den Geburtsort christlich-mystischer Texte, als ein Zeitalter verstehst, in welchem Text (Schrift, Wort, Lehre) und Welt (Leben) eine – nach mystischer Ansicht, sicherlich schon bei Boethius und stellenweise auch bei Augustinus angelegt – notwendige, untrennbare Einheit eingehen müssen, um das eine zur Wahrheit des anderen zu machen und das andere zur Wahrheit des einen, vgl. dabei auch die verschiedensten Similia biblica, um das So-Sein der Welt zu erklären, wenn sich diese Worte offenbaren und nicht nur das So-Sein der Welt erklären, sondern sie sogar erst verständlich und damit existent machen, dann hast Du – was immer Du auch wo immer auch studiert hast, mit welchem Abschluß auch immer und bei welchem Prof auch immer – etwas von dem verstanden, warum das Sich-in-eins-Fühlen von den Mystikern als so wichtig empfunden worden ist und weshalb diese es auch versucht haben, den anderen Leuten “zu zeigen”, “an-zu-deuten”, nicht allein bloß zu sagen, zu beschreiben – denn gerade dieses “mystische Erlebnis” ist nicht (vollends) zu beschreiben.
              Ebensowenig ist Gott (vollends) zu beschreiben, Gott ist auch nicht zu erklären, es ist nicht einmal sicher, ob Gottes Existenz bewiesen werden kann; aber für die Mystiker deutet Gott sich in der Welt an, die Welt zeigt auf die Existenz eines Gottes. Ich kann nichts über Gott wissen und auch nichts über ihn sagen, aber mein Leben gibt einen Hinweis darauf, daß Gott existiert – und dabei ist es auch völlig egal, wie ich lebe.
              Und wovon in Deinem letzten Absatz die Rede ist: Welche Verbindung, glaubst Du, hat denn das griech. “mysterion” zum lat. “occultum” – das Mysteriöse hat immer einen Hang zum Okkulten, das ist – sogar soziologisch gesprochen – dessen Wesen, denn wäre es nicht okkult, verborgen und nur den Eingeweihten zugänglich, sondern jedem dahergelaufenen Menschen offen, so würde es ziemlich rasch eben diese Aura verlieren. – Wo Du auch gehst und stehst, entweder stolperst Du über Deine vorgebliche Klugheit oder Du ruhst Dich auf Deiner eingebildeten Klugheit aus.
              Du sagst zudem, es sei Dein eigener Lehrbereich, welchem ich da in die Quere komme – nun, ich hoffe nur, daß es sich dabei um eine wunscherträumte Hybris Deinerseits handelt; wenn nicht, dann bedauere ich Deine Studentinnen und Studenten. Diese sollen etwas ordentliches lernen und zur Vervollständigung ihrer Kenntnisse einmal nach Göttingen kommen.

                Fragezeichen
                Posted 1 year ago

                „Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
                und ich kreise jahrtausendlang;
                und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
                oder ein großer Gesang.”

                Rainer Maria Rilke

                ps
                @ Deus ex Machina
                Also um das festzustellen genügtes die folgenden Begriffe in Google einzugeben
                „Angelus Silesius“ Mystik
                „Angelus Silesius” Pantheismus

                Im ersten Fall erhältst Du 14.900 Einträge
                Im zweiten Fall 2.200 Einträge

                Das kannst du nun mit jedem der hier aufgeführten Dichtern tun – ich war so frei :)

                  eren
                  Posted 1 year ago

                  @ Deus ex Machina
                  Da ich ja nun eher ein Konsument von “Dichtung” bin, habe ich mich bisher eher wohlweislich zurückgehalten, wenn ich bei dieser Lektüre über deine “Rezensionen” gestolpert bin, aber hier nun möchte ich doch ein Wort verlieren – oder besser Zwei – BULL SHIT

                  Ich habe nicht immer Zeit die von mir intuitiv als Falsch vermuteten Äußerungen deiner Literaturkritiken durch Nachforschung zu widerlegen – hier nun aber kommst du mir in meinem eigenen Lehrbereich in die Quere

                  Arbeitsbereich Religionsphilosophie, Universität Freiburg im Breisgau
                  Und daher möchte ich dich bitten hier nicht öffentlich Sch… zu verbreiten

                  Angelus Silesius gehört in der theologischen Philosophie zu den Vertretern der Mystik, und es ist aus der Analyse der Zeit heraus völlig geklärt wieso und wie sich Silesius zu seiner theologischen Auffassung geäußert hat, und ich kann mich dahingehend nur wundern, daß dein Bild der „geheimnisvollen“ Mystik offensichtlich sehr starke Tendenzen der romantischen Interpretation des 19. Jahrhunderts aufweist, welche in ihrem eigenen Mystikverständnis direkt auf das mystische Empfinden der Gotik zurückgreift (wozu auch dein Text von Abaelard passt) – die der blutvollen, und oft auch „erbaulichen“ christliche Mystik des katholischen Barock dagegen kaum Rechnung trägt.

                  Eine der meist gelesenen Arbeiten der Fakultät lautet übrigens:
                  Die Metaphysik der Mystik des Angelus Silesius und ihre Bedeutung für das Gespräch mit dem Zen-Buddhismus

                  Ich hätte mich hier jetzt wohl kaum so deutlich geäußert, wenn ich diesmal nicht zufällig involviert wäre – und ich mag es nicht, wenn Leuten die in YC Antworten suchen durch Beiträge wie Deinen hier mit nachweislich falschem Weisheiten versorgt werden – zumal deine Auffassung vom „Geheimnisvollen“ der Mystik sich sehr schnell im Dickicht des Okkulten verstricken könnte.

                    Pulle leer, Kopp voll
                    Posted 1 year ago

                    Hier scheint es ja letztens hoch herzugehen, wenn ich mir so die Beiträge von “Deus ex Machina”, “Fragezeichen” und “eren” angucke.
                    Aber mal langsam, Leuts!
                    Bevor ich selbst einen hoffentlich guten Beitrag in mystischer Lyrik gebe, möchte ich noch etwas bemerken:
                    @eren: Dein Beitrag beantwortet in keinster Weise die Frage der Fragestellerin, sondern scheint – wie Deus ex Machina in einem Nebensatz bemerkt hat – wirklich nur darauf aus zu sein, Deine Besserwisserei kundzutun und ihn zu diskreditieren. Ich kann in dieser Sache wirklich nicht entscheiden, wer recht hat und wer unrecht … falls es das in dieser Angelegenheit gibt. – Aber weil Du wohl nur geantwortet hast, um Deus ex Machina zu beleidigen, bekommst Du von mir einen DR. So offen bin ich und mußt jetzt damit leben.
                    @Deus ex Machina: Ob das, was Du über Mystik sagst, wirklich stimmt, weiß ich nicht. Vielleicht hat Wittgensteins Tractatus mehr Züge von Mystik als das Gedicht des Schlesischen Engels, das hier vorliegt; aber vielleicht hat auch das Gedicht von Angelus durchaus Züge, die mystisch genannt werden können. Du verteidigst Deine Ansichten tapfer und zugegeben mit rhetorischer Brillanz. Daß Du dabei hier niemanden beleidigst oder schlechtmachst, rechne ich Dir an. Doch denk einmal darüber nach, daß Mystik nicht nur etwas ist für die “Eingeweihten”, auch die Dahergelaufenen können mystische Erlebnisse haben. Ich bin sogar der Meinung, daß das Mystische jedem Menschen zuteil werden kann, sogar dem Dahergelaufenen, und es wirklich ein persönliches, subjektives, individuelles Erlebnis ist. Und gerade weil es so individuell, subjektiv ist, ist es auch nicht aussprechbar in dem Sinne, daß man anderen mitteilen könnte, was man da erlebt hat.
                    @Fragezeichen: Dein Einwand ist berechtigt, wie ich finde. Nur bringe Dich nicht vom richtigen Pfad ab, den Du nach meiner Meinung beschreitest. Laß den Deus ex Machina doch!

                    Mein Beitrag stammt von Paul Gerhardt (1606 – 1676):

                    Nun ruhen alle Wälder

                    Nun ruhen alle Wälder,
                    Vieh, Menschen, Städt’ und Felder,
                    Es schläft die ganze Welt;
                    –Ihr aber, meine Sinnen,
                    Auf auf, ihr sollt beginnen,
                    Was eurem Schöpfer wohlgefällt.

                    Wo bist du, Sonne, blieben?
                    Die Nacht hat dich vertrieben,
                    De Nacht, des Tages Feind;
                    –Fahr hin! Ein ander Sonne,
                    Mein Jesus, meine Wonne,
                    Gar hell in meinem Herzen scheint.

                    Der Tag ist nun vergangen,
                    Die güldnen Sternlein prangen
                    Am blauen HImmelssaal;
                    –Also werd ich auch stehen,
                    Wenn mich wird heißen gehen
                    Mein Gott aus diesem Jammertal.

                    Der Leib eilt nun zur Ruhe,
                    Legt ab das Kleid und Schuhe,
                    Das Bild der Sterblichkeit;
                    –Die zieh ich aus. Dagegen
                    Wird Christus mir anlegen
                    Den Rock der Ehr und Herrlichkeit.

                    Das Haupt, die Füß und Hände
                    Sind froh, daß nun zu Ende
                    Die Arbeit kommen sei;
                    –Herz, freu dich, du sollst werden
                    Vom Elend dieser Erden
                    Und von der Sünden Arbeit frei.

                    Nun geht, ihr matten Glieder,
                    Geht hin und legt euch nieder,
                    Der Betten ihr begehrt;
                    –Es kommen Stund und Zeiten,
                    Da man euch wird bereiten
                    Zur Ruh ein Bettlein in der Erd.

                    Mein Augen stehn verdrossen,
                    Im Hui sind sie geschlossen,
                    Wo bleibt denn Leib und Seel?
                    –Nimm sie zu deinem Gnaden,
                    Sei gut für allen Schaden,
                    Du Aug und Wächter Israel.

                    Breit aus die Flügel beide,
                    O Jesu, meine Freude,
                    Und nimm dein Küchlein ein!
                    –Will Satan mich verschlingen,
                    So laß die Englein singen:
                    Dies Kind soll unverletzet sein.

                    Auch euch, ihr meine Lieben,
                    Soll heinte nicht betrüben
                    Ein Unfall noch Gefahr.
                    –Gott laß euch selig schlafen,
                    Stell euch die güldnen Waffen
                    Ums Bett und seiner Engel Schar.

                      Ajut
                      Posted 1 year ago

                      Vielleicht hier mal ein wenig Pantheismus von der “Goeth’schen Weltseele” :)

                      Weltseele

                      Verteilet euch nach allen Regionen
                      Von diesem heil’gen Schmaust
                      Begeistert reißt euch durch die nächsten Zonen
                      Ins All und füllt es aus!

                      Schon schwebet ihr in ungemeßnen Fernen
                      Den sel’gen Göttertraum
                      Und leuchtet neu, gesellig, unter Sternen
                      Im lichtbesäten Raum.

                      Dann treibt ihr euch, gewaltige Kometen,
                      Ins Weit’ und Weitr’ hinan.
                      Das Labyrinth der Sonnen und Planeten
                      Durchschneidet eure Bahn.

                      Ihr greifet rasch nach ungeformten Erden
                      Und wirket schöpfrisch jung,
                      Daß sie belebt und stets belebter werden
                      Im abgemeßnen Schwung.

                      Und kreisend führt ihr in bewegen Lüften
                      Den wandelbaren Flor
                      Und schreibt dem Stein in allen seinen Grüften
                      Die festen Formen vor.

                      Nun alles sich mit göttlichem Erkühnen
                      Zu übertreffen strebt;
                      Das Wasser will, das unfruchtbare, grünen,
                      Und jedes Stäubchen lebt.

                      Und so verdrängt mit liebevollem Streiten
                      Der feuchten Qualme Nacht;
                      Nun glühen schon des Paradieses Weiten
                      In überbunter Pracht.

                      Wie regt sich bald, ein holdes Licht zu schauen,
                      Gestaltenreiche Schar,
                      Und ihr erstaunt auf den beglückten Auen
                      Nun als das erste Paar,

                      Und bald verlischt ein unbegrenztes Streben
                      Im sel’gen Wechselblick.
                      Und so empfangt mit Dank das schönste Leben
                      Vom All ins All zurück.

                      [Johann Wolfgang v. Goethe]

                      @ Deus ex Machina
                      Auch ich Ich will mich in den Streit zwischen Dir und Eren nicht einmischen, möchte nur erwähnen, daß Du selbst oft auch nicht gerad zimperlich bist, wenn es gilt Andere zu kritisieren – ich denke wer austeilt muss auch einstecken können – ich denke eren hatte bei seiner zugegeben etwas heftigen Attacke mehr gute Argumente als Du bei deinem völlig überzogenen Angriff auf Mein Gedicht –

                      http://de.answers.yahoo.com/question/index;_ylt=Am5azQXEPyPHkA1.qjuqEDIICgx.;_ylv=3?qid=20100121140744AAtHBMo

                      Dein Verständnis von Mystik folgt einem bestimmten Bild, das ist auch Ok – du musst nur akzeptieren, daß der literarische Mystikbegriff weiter gefasst wird, als es dein Bild zulässt, und wenn “Mystik” als unbenennbares Geheimnis nur “geahnt” aber nicht “beschrieben” werden könnte, so gäbe es gar keine mystische Literatur.

                      Zählt seit der Einführung des Begriffs der “Schwarzen Romantik” durch Mario Paz, nicht sogar menschliche Lust und menschlicher Schmerz in ihren abgründigen Tiefen zum mystischen Geheimnis des Menschen ?

                      Erst kürzlich habe ich in einem Gothic-Literaturforum einen Essay über Charles Baudelaire als Vertreter einer “Schmerzhaft lustvollen Liebesmystik” … “unerfüllter romantischer Extase” gelesen – mag man davon halten was man will – literarische Begriffe verändern sich nun mal im Laufe der Zeit, werden neu gedeutet, erhalten neue Bezüge und Zusammenhänge – villeicht führt die Subkultur des Gothic ja tatsächlich die alten Fäden von Mystik und Okkultismus wieder zusammen – was läge da näher die “Fleures du Mal” für sich neu zu entdecken.

                      SED NON SATIATA
                      Bizarre Gottheit du, so dunkel wie die Nacht,
                      Havanna und Muskat, verdampfend, dich umgären,
                      Du finstre Teufelsbrut, du Geist den Steppen ehren,
                      Du schwarze Zauberin, du Kind der Mitternacht.

                      Noch mehr als Opium und Wein und düstre Pracht
                      Wird mir von deinem Mund der Liebestrank gewähren;
                      Als Karawane reist mein brünstiges Begehren
                      Zu der Zisterne, die aus deinen Augen lacht.

                      Aus diesen Augen, drin der Seele Seufzer fluten,
                      Grausamer Dämon du! schick mir nicht solche Gluten;
                      Ich bin, dich neunmal zu umarmen, nicht gewillt,
                      Du Unersättliche! wie keiner hier auf Erden!
                      Und kann erst recht, wenn es dich abzukühlen gilt,
                      Auf deinem Höllenpfühl zum Totengott nicht werden!

                      [Charles Baudelaire aus "Les Fleurs du Mal"]

                    Answer this Question :

                    You must be logged in to post an answer. Signup Here, it takes 5 seconds :)

                    Andere Fragen


Powered by Yahoo! Answers