• Letzte Fragen
  • Populäre Fragen

Muss die Mittelachse eines Gedichtes immer in der Mitte sein?

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Würde Gerne wissen, ob die Mittelachse des Gedichtes sozusagen schon nach der ersten Strophe das Gedicht teilt. Für ein paar weitere Interpretationsansätze wär ich auch dankbar (Herbst des Lebens, “Einer” – Gott – behütet uns vor dem Fallen = Ewiges Leben, etc.)

Weis außerdem nich genau wie ich die Hände in der dritten Strophe einordnen soll…
Mom, würd die Mittelachse doch erst nach der zweiten Strophe setzen, da Rilke dann auf die Menschen speziell zu sprechen kommt. Wär trotzdem für einige Interpretationsansätze dankbar. LG

    Lasse B
    Posted 1 year ago

    Wer dichtet, muss gar nichts.
    Wer interpretiert muss gar nichts.

    Das Einzige, was du beim Dichten beachten musst ist, dass du dich so ausdrückst, wie du dich ausdrücken willst.
    Das Einzige, was du beim Interpretieren beachten musst ist, dass du das rechtfertigen kannst, was du über das Gedicht sagst.

    Mittelachsen-Lyrik bedeutet nicht, dass du das Gedicht unbedingt um eine Achse zentrieren musst, sondern das auch mehrere Achsen Schwerpunkte legen können.
    Du kannst auch einzelne Sätze um einzelne Wörter, die du für besonders wichtig hältst zentrieren.

    Was ich nicht verstehe ist, dass viele Leute bei diesem Gedicht immer ein “davor behüten” oder ein “Aufhalten” interpretieren oder so wie du ein “Ewiges Leben”.
    Rilke schreibt, “Einer” hält das Fallen “unendlich sanft” in den Händen, er sagt nicht, dass uns irgendjemand davor beschützt. IM GEGENTEIL, er schreibt, dass alles (“es ist in allen”) was lebt und wächst irgendwann einmal zu Grunde geht.
    Aber, dass wir uns nicht vor dem Fallen zu fürchten brauchen, da selbst im Tode jemand da ist, der universell über uns wacht.

    Auf das Leben nach dem Tod nimmt Rilke kaum Bezug, er sagt sogar, dass das Fallen zwangsläufig mit Einsamkeit verbunden ist. Es ist also etwas individuelles und unaufhaltliches, denn selbst die schwere Erde fällt in die Einsamkeit. (Er sagt auch “schwer”, vielleicht meint er, dass gerade dort, wo viel Leben ist, ein schnelles Fallen absolut unvermeidbar ist, denn sie “fällt aus allen Sternen”.)
    Er beschönt nicht den Tod und verspricht nichts Himmlisches, aber er deutet an, dass er sich sicher ist, dass es etwas geben muss, dass einen beim Fallen begleitet und das für jeden gleich ist, also etwas universelles.

    Zum Punkt “Er verspricht nichts himmlisches”:
    ALS welkten in den Himmeln ferne Gärten;
    sie fallen mit VERNEINENDER Gebärde.

Answer this Question :

You must be logged in to post an answer. Signup Here, it takes 5 seconds :)

Andere Fragen


Powered by Yahoo! Answers